Über kaum eine Technologie wird derzeit so beruhigend gesprochen wie über Künstliche Intelligenz, wenn es um Führung geht. Die Erzählung lautet: KI nimmt uns die lästige Routine ab und schenkt uns endlich Zeit für das Wesentliche. Diese Erzählung stimmt. Und gerade deshalb ist sie gefährlich – weil sie die eigentliche Frage verdeckt.
Im letzten Artikel habe ich beschrieben, wie KI ungeplant und ungesteuert in Unternehmen einzieht – und warum das eine Führungsfrage ist, keine IT-Frage. Heute geht es eine Ebene tiefer. Nicht um die Technologie im Unternehmen, sondern um die Führungsrolle selbst. Was macht KI eigentlich mit dem, was eine Führungskraft den ganzen Tag tut?
Die meisten Führungskräfte, mit denen ich spreche, stellen dazu eine Frage: „Welche meiner Aufgaben übernimmt die KI?" Das ist eine verständliche Frage. Aber es ist nicht die entscheidende. Die ehrlichere Frage lautet: Was bleibt übrig, wenn die KI all das kann, was sich automatisieren lässt – und ist das, was übrig bleibt, noch Führung?
Die Wahrheit liegt nicht im Beruf, sondern in der Aufgabe
Die Debatte über KI und Arbeit leidet an einem Denkfehler. Sie fragt, welche Berufe verschwinden. Das ist die falsche Einheit. Berufe verschwinden selten am Stück. Was verschwindet, sind einzelne Tätigkeiten – und jeder Beruf ist ein Bündel aus vielen davon.
Für Führung heißt das: Die Frage ist nicht, ob es künftig noch Geschäftsführer und Vorstände gibt. Natürlich gibt es die. Die Frage ist, welche der Tätigkeiten, die heute den Führungsalltag füllen, sich verschieben – und wohin.
Schauen wir genau hin. Ein erheblicher Teil dessen, womit Führungskräfte ihre Tage verbringen, ist Informationsarbeit. Status einholen. Berichte lesen und verdichten. Zahlen aufbereiten. Entscheidungsvorlagen zusammenstellen. Den Überblick herstellen, der nötig ist, um überhaupt entscheiden zu können. Genau diese Arbeit kann KI heute schon zu großen Teilen übernehmen – schneller, gründlicher und ohne zu ermüden.
Was bleibt, wenn diese Schicht wegfällt? Es bleibt das, wofür die ganze Aufbereitung eigentlich nur die Vorstufe war: orientieren, priorisieren, urteilen. Entscheiden, was überhaupt wichtig ist. Einer Organisation in der Unsicherheit eine Richtung geben. Das ist der Kern von Führung – und dieser Kern wird durch KI nicht kleiner. Er wird freigelegt.
Das Ende eines bequemen Verstecks
An dieser Stelle wird es unbequem. Denn die operative Beschäftigung war für viele Führungskräfte nicht nur Last – sie war auch ein Versteck.
Wer seinen Tag mit Statusrunden, Reportings und dem Weiterleiten von Informationen füllte, fühlte sich beschäftigt. Ausgelastet. Gebraucht. Man konnte einen Zwölf-Stunden-Tag haben und am Abend das Gefühl, geführt zu haben – obwohl man in Wahrheit vor allem verwaltet hat. Die operative Hektik lieferte den Beweis der eigenen Wichtigkeit gleich mit.
Genau dieses Versteck nimmt die KI weg. Wenn die Maschine die Aufbereitung übernimmt, bleibt die Zeit, die man sonst mit dem Beschäftigtsein gefüllt hat – und mit ihr eine unbequeme Sichtbarkeit. Es zeigt sich, ob jemand mit dieser Zeit etwas anfängt, das nur eine Führungskraft tun kann. Oder ob da, wo die Verwaltung war, nichts nachkommt.
So gesehen ist KI für Führung kein Werkzeug, das die Arbeit erleichtert. Sie ist ein Röntgengerät. Je mehr die Kann-Aufgaben verschwinden, desto unbarmherziger wird sichtbar, ob jemand wirklich führt – oder ob die Position bisher vor allem durch operative Betriebsamkeit ausgefüllt war. Das ist für manche eine Befreiung. Für manche eine Bedrohung. Für alle ist es eine Frage, der man nicht mehr ausweichen kann.
So weit die Verschiebung im Inneren der Rolle. Doch sie geschieht nicht im luftleeren Raum. Sie trifft auf zwei Entwicklungen, die viele Führungskräfte gerade unterschätzen – und die ich für die gefährlichsten Stolpersteine auf diesem Weg halte.
Stolperstein eins: Wer die Juniorebene wegspart, sägt am eigenen Ast
In vielen Unternehmen beobachte ich gerade eine Logik, die auf den ersten Blick zwingend erscheint. Die Aufgaben, mit denen Berufseinsteiger traditionell anfangen – recherchieren, erste Entwürfe schreiben, Standardanalysen erstellen, zuarbeiten – sind genau die Aufgaben, die KI heute gut erledigt. Also, so der Schluss, braucht man weniger Einsteiger. Warum einen Junior bezahlen, wenn die KI dasselbe schneller liefert?
Die Rechnung geht kurzfristig auf. Und langfristig ruiniert sie das Unternehmen.
Denn niemand wird als erfahrener Urteilsträger geboren. Das Urteil, auf das wir uns bei Senioren verlassen, ist das Ergebnis vieler Jahre, in denen sie genau diese kleinen Aufgaben selbst gemacht haben – und dabei die kleinen Fehler, aus denen man lernt. Wer die Einstiegsebene wegrationalisiert, spart nicht nur ein paar Gehälter. Er kappt die Pipeline, aus der die Senioren von übermorgen kommen sollen. Er sägt den Ast ab, auf dem das erfahrene Urteil seines Unternehmens in zehn Jahren sitzen müsste.
Hinzu kommt ein Zusammenhang, der oft übersehen wird. Um beurteilen zu können, ob ein KI-Ergebnis taugt, muss man das Fachgebiet selbst beherrschen. Es gibt eine einfache Faustregel dafür: Man muss ein Gebiet zu rund achtzig Prozent selbst verstehen, um zu erkennen, wo die KI danebenliegt. Wer das Handwerk nie von unten gelernt hat, kann oben nicht prüfen. Er kann nur noch durchwinken, was die Maschine ausgibt. Eine Organisation, die ihre Einsteiger durch KI ersetzt, produziert deshalb nicht nur einen Nachwuchsmangel. Sie produziert eine Generation von Prüfern, die nicht mehr prüfen können.
Interessanterweise könnte ausgerechnet die Ökonomie diese Entwicklung korrigieren. Manche KI-Experten weisen bereits darauf hin, dass es sich bei steigenden KI-Preisen wieder lohnen könnte, Nachwuchskräfte einzustellen. Womit wir beim zweiten Stolperstein wären.
Stolperstein zwei: Die Rechnung kommt – und sie kommt von jemand anderem
Führung bedeutet nicht nur, Menschen zu führen. Sie bedeutet auch, Prioritäten zu setzen, Investitionen zu verantworten und Abhängigkeiten zu steuern. Genau hier liegt der zweite Stolperstein – und er wird gerade massiv unterschätzt, weil er als technisches Kostenthema getarnt ist und deshalb gern an die IT oder das Controlling weitergereicht wird. Das ist ein Fehler. Wer entscheidet, auf welche Technologie sich ein Unternehmen verlässt und wie tief es sich von einem Anbieter abhängig macht, trifft eine strategische Führungsentscheidung – keine Entscheidung, die allein bei IT oder Controlling liegen sollte.
Eine der hartnäckigsten Annahmen über KI lautet: Sie ist billiger als der Mensch. Im Jahr 2026 erleben viele Unternehmen, dass diese Annahme einen Haken hat.
Seit die großen Anbieter ihre Abrechnung von Pauschalen auf nutzungsbasierte Modelle umgestellt haben, zahlt man für jeden verarbeiteten Token – jede kleinste Informationseinheit. Und die Rechnungen explodieren. Das Analysehaus Citrini Research hat dafür einen treffenden Begriff geprägt: „Token Panic". Beim IT-Dienstleister Adesso hat sich der Token-Verbrauch innerhalb weniger Monate fast verhundertfacht, die Kosten erreichen einen sechsstelligen Bereich. Der Fahrdienst Uber verbrauchte sein KI-Jahresbudget in wenigen Monaten – bei einem Nutzen, den das eigene Management offen als unklar bezeichnet.
In Entwicklerkreisen kursiert ein Bild, das den Kern trifft: ein Mann, der sich eine Zigarre mit einem Flammenwerfer anzündet. Bildunterschrift: „Wie ich mit dem leistungsstärksten Modell eine Datei lösche." Es beschreibt eine ganze Haltung – das stärkste, teuerste Werkzeug für die trivialste Aufgabe, weil niemand auf die Kosten schaut.
Und genau das ist der Punkt: Die meisten schauen nicht. Eine Untersuchung von KPMG zeigt, dass nur 26 Prozent der Unternehmen einen umfassenden Überblick über ihre KI-Kosten haben. 22 Prozent erfahren die tatsächlichen Ausgaben erst mit der Abrechnung. Es ist dieselbe Blindheit, die ich in dieser Serie schon beschrieben habe – diesmal nicht bei den Daten, sondern beim Geld.
Der kluge Weg sieht anders aus, und er ist unspektakulär. Er beginnt nicht in der IT, sondern bei einer Führungshaltung: Klarheit darüber, wo KI wirklich Wert schafft und wo sie nur teuer ist. Bevor man KI auf einen Prozess setzt, optimiert man den Prozess. Wer Künstliche Intelligenz auf gewachsene, ineffiziente Abläufe draufpackt, automatisiert vor allem das eigene Durcheinander – nur teurer. Erst der saubere Prozess, dann die Maschine. Ein Beispiel aus der Praxis zeigt, was möglich ist: Wenn KI-Systeme den richtigen Geschäftskontext bekommen, lässt sich der Token-Einsatz um mehr als die Hälfte senken, bei höherer Zuverlässigkeit. Dazu kommt die einfache Disziplin, für jede Aufgabe das passende Modell zu wählen statt reflexhaft das stärkste – nicht jede Anfrage braucht den Flammenwerfer. Und dort, wo es um Kosten oder um sensible Daten geht, gewinnen kleinere, quelloffene und lokal betriebene Modelle an Bedeutung, teils mit eigenen Unternehmensdaten angepasst.
Hinter all dem steht eine strategische Frage, die weit über die monatliche Rechnung hinausgeht. Die großen Anbieter haben Milliardenbeträge in Training und Infrastruktur investiert. Marktbeobachter formulieren nüchtern, was daraus folgt: Irgendwann müssen die Kunden diese Rechnung bezahlen. Wer heute unbedacht sein gesamtes Geschäft auf wenige große Modelle ausrichtet, optimiert kurzfristig seine Abläufe – und begibt sich langfristig in eine Abhängigkeit, deren Preis er nicht selbst bestimmt.
Das ist die Steuerungsfrage dieser Serie, übertragen auf die technologische und finanzielle Souveränität des Unternehmens – und sie gehört auf den Tisch der Geschäftsführung, nicht in die Budgetzeile einer Abteilung. Wer hält hier das Steuer – Sie oder Ihr Lieferant?
Was übrig bleibt – und niemand abnimmt
Kehren wir zur Ausgangsfrage zurück. Was bleibt, wenn die Kann-Aufgaben verschwinden und man den beiden Stolpersteinen ausgewichen ist? Drei Dinge, die keine Maschine übernimmt. Und es ist kein Zufall, dass es genau die drei sind, die früher unter der operativen Betriebsamkeit oft begraben lagen.
Das Erste ist die Führung von Menschen durch die Veränderung selbst. KI erzeugt Verunsicherung, Ängste, manchmal stillen Widerstand. Sie verändert, wie Teams zusammenarbeiten und wem sie vertrauen. Diese Menschen durch den Wandel zu führen – ihnen Orientierung zu geben, wo die Technologie nur Unruhe stiftet – ist eine zutiefst menschliche Aufgabe. Sie wird das Thema des nächsten Artikels sein.
Das Zweite ist das eigene Urteil. Je mehr Entscheidungsvorbereitung wir an KI delegieren, desto größer wird die Versuchung, auch das Urteil selbst abzugeben. Das ist bequem – und es hat einen Preis, der sich erst spät zeigt. Wie eine Führungskraft ihre eigene Urteilskraft bewahrt, statt sie schleichend zu verlernen, ist eine eigene, ernste Frage, der ich mich gesondert widmen werde.
Das Dritte ist Verantwortung. Eine KI kann eine Entscheidung vorbereiten, empfehlen, in vielen Fällen sogar besser begründen als ein Mensch. Was sie nicht kann, ist dafür geradestehen. Verantwortung lässt sich nicht an eine Maschine delegieren – und genau das macht Führung im KI-Zeitalter nicht überflüssig, sondern unverzichtbar. Auch das verdient einen eigenen Artikel.
KI macht Führung nicht überflüssig – sie macht sie sichtbar
Die verbreitete Sorge, KI könnte Führungskräfte ersetzen, geht an der Sache vorbei. KI ersetzt Führung nicht. Sie entkleidet sie. Sie nimmt das weg, womit man Führung jahrelang simulieren konnte – die operative Betriebsamkeit, das Verwalten von Information, das Beschäftigtsein – und legt frei, was darunter ist. Bei manchen ist das eine klare, orientierende, verantwortungsbereite Führungspersönlichkeit. Bei manchen ist darunter weniger, als die Position vermuten ließ.
Das ist die eigentliche Botschaft dieser Verschiebung. Nicht: Werde ich ersetzt? Sondern: Was kommt zum Vorschein, wenn das Verwalten wegfällt?
Die gute Nachricht ist dieselbe wie am Anfang dieser Serie. Sie müssen kein KI-Experte werden. Aber Sie müssen entscheiden, ob Sie die frei werdende Zeit und Aufmerksamkeit für das nutzen, was nur Sie können – oder ob Sie sie dem Zufall überlassen.
Was sie in dieser Serie erwartet
Diese Serie begleitet Sie durch die wichtigsten Führungsfragen rund um KI im Unternehmen – praxisnah und aus eigener Erfahrung.
Im nächsten Artikel geht es um die erste der drei Aufgaben, die bleiben: das Führen von Menschen durch die KI-Transformation. Denn die größte Hürde bei der Einführung von KI ist selten die Technik. Es sind die Ängste, die Kompetenzlücken und die Frage, wer am Ende die Verantwortung trägt.
Im vorherigen Artikel habe ich mich mit der Frage beschäftigt: "Schatten-KI im Unternehmen: Warum ungeplante KI-Nutzung zur Führungsfalle wird"
Zuächst aber interessiert mich Ihre Sicht: Wenn Sie ehrlich auf Ihren eigenen Führungsalltag schauen – wie viel davon ist Verwaltung, und wie viel ist Führung? Und was würde sichtbar, wenn die Verwaltung wegfiele? Ich freue mich auf den Austausch.
Für wen diese Serie relevant ist
Diese Serie richtet sich an Geschäftsführer, Vorstände, Beiräte und Führungskräfte, die den Umgang mit KI nicht auf ein reines IT-Thema reduzieren wollen. Sie ist besonders relevant für Unternehmen, in denen KI bereits punktuell genutzt wird, ohne dass Rollen, Verantwortlichkeiten und Leitplanken klar definiert sind.
Gerade in mittelständischen Unternehmen entsteht daraus schnell eine Gemengelage aus Chancen, Unsicherheit und Handlungsdruck. Genau dort braucht es Führung – nicht später, sondern jetzt.
Über den Autor
Dr. Bernd Kappesser ist Partner bei der empiricus GmbH. Mit seiner langjährigen Erfahrung in Führungsrollen im IT- und Technologieumfeld verfügt er über fundierte Expertise in Transformation, Organisationsentwicklung und strategischer Führung.
Er begleitet Geschäftsführungen, Vorstände, Beiräte und Führungskräfte-Teams dabei, ihre Rolle bewusst zu gestalten, Veränderung wirksam zu führen und ihre Organisationen im Spannungsfeld von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Regulierung zukunftsfähig auszurichten. Sein Ansatz verbindet unternehmerische Praxis, strategisches Denken und persönliche Reflexion – mit klarem Fokus auf nachhaltige Wirkung.
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