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27 March 2026

Warum fehlende KI-Governance zur Führungsfrage wird – und nicht zur IT-Aufgabe

Posted in Führung, Leadership

Blog-Serie: KI-Governance im Unternehmen | Artikel 1

Warum fehlende KI-Governance zur Führungsfrage wird – und nicht zur IT-Aufgabe

In Gesprächen mit Führungskräften erlebe ich immer wieder dasselbe: KI ist längst im Unternehmen angekommen – ob die Geschäftsführung es weiß oder nicht. Im Mittelstand passiert das oft still, schrittweise, ungeplant. Das ist kein Technikproblem. Das ist ein Führungsproblem. In dieser Serie beleuchte ich, was das konkret für Sie als Führungskraft bedeutet – aus meiner eigenen Erfahrung.

Die Realität im Mittelstand: KI kommt – geplant oder nicht

Große Unternehmen haben längst KI-Strategien, Chief AI Officers und dedizierte Projektteams. Im Mittelstand – und erst recht in kleineren Unternehmen – sieht die Realität meist anders aus: Ein Mitarbeiter im Marketing nutzt ChatGPT für Texte. Der Vertrieb experimentiert mit KI-gestützten E-Mail-Tools. Die IT testet einen Coding-Assistenten. Und die Geschäftsführung? Weiß von alldem häufig nichts.

Das ist keine Kritik an den Mitarbeitern – im Gegenteil. Wer KI nutzt, um effizienter zu arbeiten, zeigt Initiative und denkt unternehmerisch. Das Problem liegt woanders: Es fehlt der Rahmen. Es fehlt die Strategie. Und es fehlt die Verantwortung von oben.

Während einige Unternehmen beginnen, KI strategisch einzusetzen, entsteht in vielen anderen Organisationen eine unkoordinierte Nutzung – mit Risiken, aber auch mit verpassten Chancen. Genau hier beginnt die Führungsfrage. Unternehmen, die KI bewusst steuern, gewinnen nicht nur Sicherheit – sie gewinnen auch Geschwindigkeit und Wettbewerbsvorteile.

Warum passiert das trotzdem in vielen Unternehmen noch nicht? Die Gründe dafür sind nachvollziehbar: fehlende Ressourcen, fehlende Orientierung im rasant wachsenden KI-Markt, und mangelndes Wissen über die rechtlichen Rahmenbedingungen – Stichwort EU-KI-Verordnung und DSGVO. Hinzu kommt eine weitere, häufig unterschätzte Lücke: Selbst die besten Fachspezialisten im Unternehmen kennen ihre Kernprozesse in- und auswendig, haben aber selten ein ausreichendes Bild davon, was KI heute leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen. So entstehen weder die richtigen Fragen noch die richtigen Use Cases.

Das Führungsvakuum: Wenn niemand das Steuer hält

Was stattdessen entsteht ist kein neues Phänomen – ich spreche da aus Erfahrung: Technologien, die sich „von unten“ im Unternehmen verbreiten, lange bevor die Führungsebene überhaupt etwas davon mitbekommt. Viele kennen das unter dem Begriff der Schatten-IT. Mitarbeiter, die private Tools und Systeme nutzen, weil die offiziellen Lösungen zu langsam, zu umständlich oder nicht vorhanden waren. Heute erleben wir dasselbe mit KI. Nennen wir es, was es ist: Schatten-KI.

Was auf den ersten Blick harmlos und sogar innovativ wirkt, hat weitreichende Konsequenzen. Mitarbeiter, die ohne Schulung und ohne Leitplanken mit KI-Tools arbeiten, sind sich oft nicht bewusst, welche Daten sie dabei preisgeben. Personenbezogene Kundendaten, Vertragsinhalte, interne Kennzahlen – all das kann in KI-Systemen landen, ohne dass irgendjemand genau weiß, was damit passiert. Und da hierbei oft private Accounts der großen KI-Dienstleister wie OpenAI, Anthropic oder Google genutzt werden, fehlt dem Unternehmen häufig jede Kontrolle darüber, wie Daten gespeichert oder weiterverarbeitet werden.

Das, was Fachleute den Black-Box-Effekt nennen, macht die Sache besonders heikel:  Was in das System hineinfließt und wie es weiterverarbeitet wird, ist für das Unternehmen häufig nicht transparent und kaum kontrollierbar. Für mich ist das kein abstraktes Risiko. Das ist ein konkretes Haftungsproblem, das am Ende beim Geschäftsführer landet.

Hinzu kommt ein weiteres Risiko, das ich für genauso gefährlich halte: Wenn KI-generierte Ergebnisse unkritisch übernommen werden, weil der Mitarbeiter dem System einfach vertraut. KI halluziniert – das ist kein Fehler, das ist ein strukturelles Merkmal aktueller Sprachmodelle. Wer das nicht weiß oder es ignoriert, riskiert fehlerhafte Analysen, falsche Entscheidungsgrundlagen und im schlimmsten Fall rechtliche oder reputationsbezogene Konsequenzen für das Unternehmen.

Und schließlich: Die Angst. Viele Mitarbeiter fürchten, durch KI ersetzt zu werden. Wenn das Unternehmen keine klare Haltung dazu kommuniziert, entstehen Gerüchte, Zurückhaltung und aktiver Widerstand. Auch das ist eine Führungsaufgabe – keine HR-Aufgabe, keine IT-Aufgabe.

Das Thema gehört zum CEO – nicht in die IT-Abteilung

In vielen Unternehmen landet das Thema KI reflexartig auf dem Schreibtisch der IT-Abteilung. Das ist verständlich – aber falsch. Die Konsequenzen unkontrollierter KI-Nutzung sind strategischer, rechtlicher und kultureller Natur – und damit zwingend Chefsache.

Strategisch, weil KI entscheidenden Einfluss darauf hat, wie ein Unternehmen künftig wettbewerbsfähig bleibt. Wer KI nicht aktiv gestaltet, überlässt das Feld dem Zufall – oder dem Wettbewerb.

Rechtlich, weil Verstöße gegen DSGVO oder die EU-KI-Verordnung nicht beim einzelnen Mitarbeiter enden, sondern beim Geschäftsführer. Unwissenheit schützt hier nicht vor Strafe.

Kulturell, weil der Umgang mit KI im Unternehmen eine Frage von Vertrauen, Veränderungsbereitschaft und Führungsstärke ist. Das kann die IT-Abteilung nicht leisten – das muss von oben kommen.

Richtig eingeführte KI-Governance  bringt schnellere Entscheidungen, klarere Verantwortlichkeiten, weniger Wildwuchs und bessere Priorisierung von Use Cases - im besten Fall angelehnt an die Unternehmensstrategie.

KI-Governance bedeutet nicht, jeden Schritt von oben zu kontrollieren. Es bedeutet, einen Rahmen zu schaffen: Wer darf welche Tools nutzen? Welche Daten dürfen in KI-Systeme einfließen? Wie werden Ergebnisse kritisch geprüft? Welche Use Cases werden priorisiert? Und wie kommuniziert das Unternehmen den Mitarbeitern gegenüber offen und ehrlich, wohin die Reise gehen soll?

Wer diese Fragen nicht aktiv beantwortet, beantwortet sie trotzdem – nur ohne Strategie und ohne Kontrolle.
 

Fazit: KI-Governance beginnt mit einer Entscheidung

KI ist kein IT-Projekt. KI ist eine Unternehmenstransformation – und jede Transformation braucht Führung. Nicht irgendwann, wenn die Strategie fertig ist. Sondern jetzt, während KI bereits läuft. In Ihrem Unternehmen. Ob Sie es wissen oder nicht.

Der erste Schritt ist nicht die perfekte Strategie. Der erste Schritt ist die bewusste Entscheidung: Dieses Thema gehört auf meine Agenda.

Die gute Nachricht: Sie müssen kein KI-Experte werden.
Aber Sie müssen entscheiden, wer im Unternehmen das Steuer hält – Sie oder der Zufall.

Was Sie in dieser Serie erwartet

In den nächsten Artikeln dieser Serie beleuchte ich, was KI-Governance in der Praxis bedeutet – konkret, praxisnah und in der Sprache von Führung, nicht von IT. Wir sprechen darüber, was passiert, wenn KI ungeplant ins Unternehmen einzieht, warum KI-Einführung vor allem Menschenführung ist, warum Verantwortung auch dann beim CEO bleibt, wenn die Entscheidung eine Maschine trifft – und warum Abwarten eben keine Option ist: KI ist bereits im Unternehmen angekommen – und der Markt gibt uns nicht die Zeit, die wir vielleicht noch glauben zu haben.

Das Thema des nächsten Artikels wird sein: „Schatten-KI im Unternehmen: Warum ungeplante KI-Nutzung zur Führungsfalle wird?

Wie ist das in Ihrem Unternehmen? Wissen Sie heute, wo und wie KI bereits eingesetzt wird – auch ohne Ihr Wissen? Ich freue mich auf den Austausch.

Für wen diese Serie relevant ist

Diese Serie richtet sich an Geschäftsführer, Vorstände, Beiräte und Führungskräfte, die den Umgang mit KI nicht auf ein reines IT-Thema reduzieren wollen. Sie ist besonders relevant für Unternehmen, in denen KI bereits punktuell genutzt wird, ohne dass Rollen, Verantwortlichkeiten und Leitplanken klar definiert sind.
Gerade in mittelständischen Unternehmen entsteht daraus schnell eine Gemengelage aus Chancen, Unsicherheit und Handlungsdruck. Genau dort braucht es Führung – nicht später, sondern jetzt.
 

Über den Autor

Dr. Bernd Kappesser ist Partner bei der empiricus GmbH. Mit seiner langjährigen Erfahrung in Führungsrollen im IT- und Technologieumfeld verfügt er über fundierte Expertise in Transformation, Organisationsentwicklung und strategischer Führung.

Er begleitet Geschäftsführungen, Vorstände, Beiräte und Führungskräfte-Teams dabei, ihre Rolle bewusst zu gestalten, Veränderung wirksam zu führen und ihre Organisationen im Spannungsfeld von Digitalisierung, Künstlicher Intelligenz und Regulierung zukunftsfähig auszurichten. Sein Ansatz verbindet unternehmerische Praxis, strategisches Denken und persönliche Reflexion – mit klarem Fokus auf nachhaltige Wirkung.

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01 April 2022

Glaubenssätze auf dem Prüfstand: Kann ethische Führung dysfunktional und unethische Führung funktional sein?

Posted in Führung, Leadership

Artikel von Univ.-Prof. Dr. Jürgen Weibler und Dr. Thomas Kuhn am 27. Februar 2022 in Führungsforschung

Glaubenssätze auf dem Prüfstand: Kann ethische Führung dysfunktional und unethische Führung funktional sein?

Unser übliches Leadership-Denken ist durchdrungen von der Grundüberzeugung, dass eine ethische Führung wesentliche Voraussetzung für Führungserfolg sei, derweil eine unethische Führung keinesfalls von Erfolg gekrönt sein könne. Neue empirische Untersuchungen nähren nun allerdings Zweifel an diesen Eindeutigkeiten und verweisen auf Paradoxien, wonach ethische Führung potenziell dysfunktional und unethische Führung potenziell funktional sein kann. Leadership Insiders stellt diesbezügliche Untersuchungen vor und bedenkt deren Konsequenzen.

Ethisch-normative Führungsansätze (Ethical Leadership, Authentic Leadership, Servant Leadership, u.a.) sind en vogue, und dies nicht zuletzt deshalb, weil sie als zentrale Garanten erfolgreicher Führung gelten. Nicht minder im Forschungstrend liegen umgekehrt auch Typologien einer „dunklen“ Führung (Bad Leadership, Destructive Leadership, Toxic Leadership), wobei derlei Führungen in aller Regel mit negativen Folgewirkungen verbunden werden, und zwar gleichermaßen für die Geführten, die Führenden wie auch die Organisation als Ganzes. Solch klare Zuordnungen getreu dem Motto „ethische Führung = funktional“ und „unethische Führung = dysfunktional“ geraten seit Kurzem infolge empirischer Untersuchungen nun allerdings erkennbar ins Wanken. Leadership Insiders informiert über aktuelle Studien und diskutiert deren Bedeutung für die Führungspraxis.

Quelle - den vollständigen Artikel können Sie weiterlesen unter leadership-insiders

 

 

05 November 2021

Paradoxien in Organisationen – Einblicke und Folgen für die Führung

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Artikel von Univ.-Prof. Dr. Jürgen Weibler und Dr. Jürgen Deeg am 20. September 2021 in Führungsforschung

Paradoxien in Organisationen – Einblicke und Folgen für die Führung

Das Erleben von Paradoxien ist Alltag in Organisationen. Nachfolgend werden typische und relevante Paradoxien bzw. paradoxe Folgen des eigenen Verhaltens oder des Verhaltens anderer angeführt und erläutert. Abschließend werden Empfehlungen zum Umgang mit Paradoxien gegeben.

Ikarus flog der Sage nach hoch, zu hoch. Leider bewirkte das, was ihm das Fliegen erst ermöglichte, die mit Wachs verbundenen Federn, paradoxerweise auch seinen Absturz. Das Wachs schmolz aufgrund zu hoher Hitze und die Federn konnten ihn so nicht mehr tragen. Im heutigen „Age of Paradox“ treten auch in Organisationen, begünstigt durch innere wie äußere Faktoren, zunehmend paradoxale Sachverhalte auf. Die Frage ihrer genauen Entstehung ist umstritten, mindestens aber vielfältig. Einerseits sollen sie jeder Organisation zu Eigen sein, andererseits werden sie allein als Produkt der Wahrnehmung eines inkonsistenten Handelns oder eines verblüffenden Ausgang des Handelns gesehen. Leadership Insiders führt in die eigenartige Welt der Paradoxien in Organisationen ein und hält für Führungskräfte Empfehlungen für den anspruchsvollen Umgang damit bereit.

 

Quelle - den vollständigen Artikel können Sie weiterlesen unter leadership-insiders.de