{"id":8695,"date":"2026-05-30T09:28:08","date_gmt":"2026-05-30T09:28:08","guid":{"rendered":"https:\/\/dev.empiricus.eu\/new-work-und-gesundes-leben-en\/"},"modified":"2026-05-30T09:28:08","modified_gmt":"2026-05-30T09:28:08","slug":"new-work-und-gesundes-leben-en","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/empiricus.eu\/en\/new-work-und-gesundes-leben-en\/","title":{"rendered":"New Work und gesundes Leben"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Unsere Arbeitswelt \u00e4ndert sich schleichend, aber fundamental. Unternehmen, wie auch die hier arbeitenden Kollegen, haben es mit disruptiven Prozessen zu tun, die die altvertrauten Bedingungen und Muster gr\u00fcndlich durcheinanderbringen und teils brachial nach neuen Strukturen, Regelungen und Methoden verlangen. Wir stehen gleichzeitig demographischen Entwicklungen gegen\u00fcber, die landesweit neue, passendere strukturelle L\u00f6sungen erfordern.<\/strong><\/em><\/p>\n<p>Denn: Die Generation der j\u00fcngeren \u2013 gebildeteren und selbstbewussteren \u2013 Arbeitnehmer, tritt mit g\u00e4nzlich anderen Erwartungen und Anspr\u00fcchen an die Unternehmen heran, als bislang die Generation ihrer Eltern. F\u00fcr sie sind ein sich positiv entwickelndes Einkommen und akzeptable \u00e4u\u00dfere Arbeitsbedingungen (L\u00e4rm, Schmutz) weniger wichtig als beispielsweise Selbstverwirklichung, Eigenverantwortlichkeit und die Sinnhaftigkeit ihrer Arbeit. Arbeit dient f\u00fcr sie nicht mehr (nur)<br \/>der Sicherung der materiellen Existenz, sondern sie soll einen zus\u00e4tzlichen ideellen Nutzen haben: ein durch Sinn erf\u00fclltes Berufsleben und dar\u00fcber Gl\u00fcck und Zufriedenheit.<\/p>\n<h2>Work-Life-Balance auf Lebenszeit<\/h2>\n<p>Die heute 30-j\u00e4hrigen Kollegen w\u00fcnschen sich die Work-Life-Balance auf Lebenszeit mindestens genauso sehr wie Anerkennung und Wertsch\u00e4tzung am Arbeitsplatz und sie hinterfragen au\u00dferdem das Ob und das Wie des gesellschaftlich verantwortungsvollen Handelns eines (ihres) Unternehmens.<\/p>\n<p>Dieser Struktur- und Wertewandel f\u00fchrt in vielen Unternehmen zwangsl\u00e4ufig zu einer Anpassung des sozialen Gef\u00fcges und zu der Schaffung und F\u00f6rderung von neuen Arbeitsformen und -bedingungen: weg von starrer Ordnung, Befehl und Gehorsam, hin zu kleinen, dezentralen Organisationsstrukturen, maximaler Flexibilit\u00e4t, Mitspracherechten und Selbstbestimmung.<\/p>\n<p>Vor allem \u00fcber die Schaffung flexibler Arbeitsmodelle versuchen Unternehmen zunehmend, dem Wunsch der Besch\u00e4ftigten nach individuellen Gestaltungsspielr\u00e4umen und Autonomie nachzukommen und sie sind bestens beraten, diesem Wunsch nachzukommen und k\u00fcnftig auf Augenh\u00f6he mit ihren Besch\u00e4ftigten zu agieren.<\/p>\n<h2>Arbeit, wann und wo man m\u00f6chte<\/h2>\n<p>Im Bereich der Arbeitsorganisation sind bei den Besch\u00e4ftigten vor allem die Freir\u00e4ume gefragt: zeitliche und \u00f6rtliche Flexibilit\u00e4t, die mobile, multilokale Arbeit, flexible, der jeweiligen Lebenssituation angepasste Arbeitszeitmodelle \u2013 also Arbeit, wann und wo man m\u00f6chte, bei Bedarf auch in Urlaubszeiten. Team\u00fcbergreifendes, vernetztes Arbeiten und Interdisziplinarit\u00e4t begleiten uns dabei ohnehin. Dem Einsatz und Vorhandensein digitaler Kommunikationstools verdanken wir es, dass wir bei weitgehender Hierarchiefreiheit, pr\u00e4zise beschriebenen Prozessen und gelebtem Rundumfeedback kurze Entscheidungswege haben, Anpassungen schnell vornehmen und kurzfristig alle am Kreations-, Entwicklungs- oder Produktionsprozess Beteiligten mit den jeweils aktuellsten Informationen versorgen k\u00f6nnen und eine physische Anwesenheit im B\u00fcro dabei nicht mehr erforderlich ist.<\/p>\n<p>Unabh\u00e4ngig von Ort und Zeit passen wir die Prozesse und -logiken dem sich stetig wandelnden Produkt an. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass jeder jederzeit den vollst\u00e4ndigen Produktionsprozess nachvollziehen kann bzw. k\u00f6nnen sollte und sich aktiv an dessen Gestaltung beteiligt. Erreichbarkeit, Kommunikationsbereitschaft und die Nutzung moderner Kommunikations- und Collaborationstools versetzen uns jederzeit in die Lage, reagieren und agieren zu k\u00f6nnen. Partizipation ist gew\u00fcnscht und gefordert und jeder verantwortet seine Teilaufgaben selbst. Die n\u00e4chste Arbeitnehmergeneration fordert Freir\u00e4ume und bietet Verantwortung und Liefertreue.<\/p>\n<h2>Entgrenzte Formen des Arbeitens bleiben nicht wirkungslos<\/h2>\n<p>(Betriebs-)\u00c4rzte sehen immer h\u00e4ufiger F\u00e4lle von \u00dcberlastung, \u00dcberreizung und Ersch\u00f6pfung und sie m\u00fcssen Besch\u00e4ftigte dabei auch zunehmend \u00f6fter \u201evor sich selbst sch\u00fctzen\u201c. Die Statistiken verschiedener Krankenkassen weisen psychische arbeitsbedingte Erkrankungen als die am schnellsten steigende (berufsbedingte) Krankheitsart aus.<\/p>\n<p>Die neuen M\u00f6glichkeiten des flexiblen, mobilen Arbeitens sind chancenreich und verlockend: Au\u00dferhalb der eigentlichen Arbeitszeit, also in der Freizeit \u2013 Wochentage spielen dabei h\u00e4ufig keine Rolle \u2013 k\u00f6nnen E-Mails und Texte geschrieben, Angebote berechnet, Kontaktaufnahmen beantwortet und Kollegen angechattet werden.<\/p>\n<p>SocialMedia-Aktivit\u00e4ten lassen sich abends auf der Couch mit mehr Ruhe erledigen und bei der Verabredung zum Fr\u00fchst\u00fcckspausenkaffee in der Cafeteria wird nicht pausiert, sondern \u2013 dank WLAN und Notebook \u2013 nat\u00fcrlich auch \u00fcber die Arbeit gesprochen. Keine echte Erholungspause also. Wer den Skypestatus nicht auf \u201erot\u201c oder<br \/>besser auf \u201eoffline\u201c setzt, scheint ansprechbar zu sein \u2013 oder es sein zu wollen.<\/p>\n<h2>Wie wirkt die neue Arbeit auf uns Menschen?<\/h2>\n<p>Flexibilit\u00e4t, Selbstorganisation und Wandlungsf\u00e4higkeit werden zu wichtigen Kriterien in der aktuellen Personalentwicklungspraxis und in Bewerbungsprozessen, in denen immer h\u00e4ufiger der Bewerber den Arbeitgeber ausw\u00e4hlt. Unternehmen m\u00fcssen mit Anforderungen wie BYOD (Bring Your Own Device; Nutzung privater Ger\u00e4te im beruflichen Kontext) umgehen, m\u00fcssen Regelungen finden, wer \u00fcberhaupt entgrenzt arbeiten darf bzw. soll und wenn ja, wie die konkrete Arbeitszeit der Besch\u00e4ftigten bei mobilem Arbeiten nachgehalten werden kann. Sie m\u00fcssen dem Bed\u00fcrfnis nach mehr Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben nachkommen und m\u00f6glichst flexible Regelungen f\u00fcr \u201ealles M\u00f6gliche\u201c anbieten, ohne dabei zu kompliziert zu werden. \u2013 Das schreckt ab.<\/p>\n<p>Leichtf\u00fc\u00dfig und vertrauensbasiert soll der Umgang miteinander sein und auf jeden Fall ohne zu viel st\u00f6rende Kontrolle und Einflussnahme. Mehr Freiraum, mehr Gestaltungsm\u00f6glichkeiten, mehr Partizipation bei weniger Steuerung, F\u00fchrung und Kontrolle. Was f\u00fcr die einen v\u00f6llig selbstverst\u00e4ndlich ist, sorgt bei den anderen jedoch f\u00fcr Unbehagen.<\/p>\n<p>Die Anforderung, jederzeit mit dem Tempo der Gesamtorganisation mithalten zu m\u00fcssen, mehr Themenbereiche als nur den eigenen nachvollziehen und bedienen zu k\u00f6nnen und sich in st\u00e4ndigen Kommunikationsschleifen wiederzufinden, kann Fluch und Segen zugleich sein. Es gibt zunehmend mehr Menschen, die diesen schnelleren, anderen Gang nicht mitgehen k\u00f6nnen oder wollen und denen die Arbeit buchst\u00e4blich \u2013 vor allem auf die psychische Gesundheit schl\u00e4gt. Insgesamt nimmt der Anteil der psychischen Belastungen im Arbeitskontext zu: Es sind das schnellere Arbeitstempo, die wachsende Komplexit\u00e4t der Aufgaben, die Frequenz der unterschiedlichen Kommunikationsanl\u00e4sse und -arten, der eigene Anspruch an Qualit\u00e4t und Leistung, das Wissen um die eigene Verantwortlichkeit im Gesamtsystem und leider in manchen F\u00e4llen auch die fehlende Identifikation mit den mehr oder weniger klaren Unternehmenszielen, die die Menschen dazu bringt, ihre Grenzen nicht mehr definieren zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<ul>\n<li>Wie weit kann ich gehen?<\/li>\n<li>Was bin ich bereit einzubringen?<\/li>\n<li>Wof\u00fcr stehe ich ein?<\/li>\n<li>Nehme ich mir ausreichend Zeit zur Regeneration?<\/li>\n<li>Kenne ich meine Alarmzeichen?<\/li>\n<li>Ab wann wird Arbeit zur Belastung?<\/li>\n<\/ul>\n<p>Es hei\u00dft, dass uns Menschen \u2013 gerade im Zeitalter der digitalen Transformation \u2013 die M\u00f6glichkeit verloren ginge, die Verschr\u00e4nkung von Job und Freizeit f\u00fcr uns selbst zu kl\u00e4ren, und dass wir aus den oben genannten Gr\u00fcnden zugunsten der Arbeit auf ausreichend Erholungspausen, den teaminternen, helfenden kollegialen Austausch und die gegenseitige Unterst\u00fctzung verzichten. Termin- und Leistungsdruck, geschlossene Zielvereinbarungen, Konkurrenzdruck und gerade auch die sich bietende M\u00f6glichkeit, jederzeit reagieren zu k\u00f6nnen oder zu m\u00fcssen, lassen die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen und nicht selten gewinnt die Arbeit den Kampf um das knappe Gut Zeit. Das Bewusstsein um diese Knappheit der uns zur Verf\u00fcgung stehenden Zeit und die sich uns bietenden M\u00f6glichkeiten zu arbeiten sind Stressoren, die uns unterschiedlich beeinflussen und lenken.<\/p>\n<h2>Ist es denn f\u00fcr viele von uns nicht gerade auch die Arbeit, die uns die Kraft und die Inspiration gibt\u2026<\/h2>\n<p>\u2026weiter-, weiter- und immer weiterzumachen und dabei nicht zu bemerken, dass man dabei l\u00e4ngst schon die Schallgrenze der eigenen Belastbarkeit durchbrochen hat und eigentlich l\u00e4ngst schon zur\u00fcck zu sich selbst und einem ausgewogenen Zeitmanagement h\u00e4tte kommen sollen?<\/p>\n<p>Ausgehend davon, dass dieses ungesunde und ung\u00fcnstige Verh\u00e4ltnis von Belastung und Entspannung gesundheitsgef\u00e4hrdend wirkt, w\u00e4re es an dieser Stelle unzureichend, wenn nicht auch auf die positiven Seiten von \u201eStress\u201c verwiesen w\u00fcrde. Denn: F\u00fcr viele Menschen ist Stress nichts per se Schlechtes. Die Verhaltensforschung kennt zweierlei Arten von Stress: Eustress und Distress. Ersterer befl\u00fcgelt, motiviert und pusht, Letzterer wirkt negativ auf den Menschen und ist nachweislich krankmachend. F\u00fcr den \u00fcberwiegenden Teil der \u2013 vor allem j\u00fcngeren \u2013 Menschen bergen die M\u00f6glichkeiten des zeit- und ortsunabh\u00e4ngigen Arbeitens mehr Vorals Nachteile, denn sie zahlen auf das Konto der besseren Vereinbarkeit von Job und Privatleben ein.<\/p>\n<p>Und die neuen, vorher oft hart und umst\u00e4ndlich erk\u00e4mpften \u2013 oder unerreichbaren \u2013 Freir\u00e4ume sind nunmehr ohne besondere M\u00fchen in das eigene Leben integrierbar und die Vereinbarkeit von Arbeit und Privatleben gelingt leichter. Das verschafft vielen die n\u00f6tige Leichtigkeit, die es braucht, um nicht dar\u00fcber nachzudenken, wann, wie lange oder wo wir eigentlich arbeiten. Die Bereitschaft, entgrenzt zu arbeiten, wird f\u00fcr viele Besch\u00e4ftigte zur Normalit\u00e4t. Diese Arbeitsweise entlastet uns und wirkt dazu auch noch produktivit\u00e4tsf\u00f6rdernd. Die besten Ideen entstehen in der Regel nicht, wenn Arbeitszeitrichtlinien oder \u00f6rtliche Gegebenheiten bremsen, sondern vor allem dann, wenn wir uns in einer Arbeitsatmosph\u00e4re befinden, die f\u00fcr den jeweiligen Kontext passend ist und kreativit\u00e4tsf\u00f6rderlich wirkt.<\/p>\n<h2>Pest oder Cholera?<\/h2>\n<p>F\u00fcr diejenigen jedoch, die von den Stressoren des entgrenzten Arbeitens negativ beeinflusst werden und die sich nicht in der Lage sehen, mit diesen Umst\u00e4nden klarzukommen, bleibt es h\u00e4ufig bei der Wahl \u201ezwischen Pest und Cholera\u201c. Weiter, weiter, immer weiter. Entgrenzte Arbeit bietet Schlupfl\u00f6cher: Wer merkt schon, dass ich eigentlich \u201eausgelaugt\u201c, ersch\u00f6pft oder schon krank bin, wo ich doch gar nicht wahrgenommen oder geh\u00f6rt werde, weil ich tagelang z.B. im Homeoffice abtauchen kann. Manche erkennen keinen Sinn in der neuen Art des Arbeitens und auch nicht die Mehrwerte, die sich ihnen zur Verbesserung der von ihnen als ung\u00fcnstig empfundenen Situation bieten.<\/p>\n<p>Sie arbeiten trotz Ersch\u00f6pfung und Krankheit weiter und verzichten zugunsten der Arbeit auf die dringend notwenige Regeneration. Ihre Arbeitsergebnisse leiden darunter, ebenso ihre physische und psychische Gesundheit. Dem zunehmenden Online-Pr\u00e4sentismus kann<br \/>auf unterschiedliche Weisen begegnet werden: Zum einen sind F\u00fchrungskr\u00e4fte gefordert, ihre digitalen Kompetenzen auf- und ausbauen, um auch dann noch ein Gef\u00fchl f\u00fcr den k\u00f6rperlichen und seelischen Zustand ihrer Teammitglieder zu haben, wenn man sich nicht pers\u00f6nlich sieht, sich nicht die Hand reicht und sich nicht in die Augen schauen kann.<\/p>\n<p>Sie m\u00fcssen Warnsignale deuten lernen, zum Beispiel fehlende Interaktion mit dem Rest des Teams, schlechte Arbeitsergebnisse, hohe Zeitaufw\u00e4nde f\u00fcr die Erledigung der Aufgaben, vermehrter Konsum von stimulierenden oder entspannenden Substanzen, regelm\u00e4\u00dfiges Umgehen von Sicherheits- und Schutzstandards oder auch die auff\u00e4llig h\u00e4ufige Bereitschaft, zus\u00e4tzliche Aufgaben zu \u00fcbernehmen oder Projektst\u00e4nde zu besch\u00f6nigen, um vom eigenen Befinden abzulenken. Hier sind F\u00fchrungskr\u00e4fte zunehmend in der Verantwortung, dem Ph\u00e4nomen des Online-Pr\u00e4sentismus entgegenzusteuern. Nicht zuletzt ist ihr Vorbildverhalten ein wesentlicher Faktor mit Signalwirkung f\u00fcr all jene, die sich selbst nicht immer sicher sind, ob sie gerade ihre Belastungsgrenzen \u00fcberschreiten oder doch noch Reserven haben.<\/p>\n<h2>Mindestens genauso wichtig ist es aber, sich an die eigene Nase zu fassen<\/h2>\n<p>und an seiner pers\u00f6nlichen Einstellung zu arbeiten, zum Beispiel um zu erkennen, wann es Zeit ist, im eigenen Interesse rechtzeitig \u201edie Rei\u00dfleine zu ziehen\u201c und die virtuelle Nabelschnur zu kappen. Denn die Verantwortung f\u00fcr die eigene Gesundheit kann letztlich nur jeder selbst tragen. Und gerade in Zeiten entgrenzten Arbeitens ist es unm\u00f6glich, diese Verantwortung vollst\u00e4ndig auf nicht anwesende Dritte abw\u00e4lzen.<\/p>\n<p>Arbeit 4.0 beruht im Wesentlichen auf der Maxime der Selbstverantwortung und es sind vor allem die Besch\u00e4ftigten, die lernen m\u00fcssen, sich selbst und ihre Grenzen zu kennen und zu wissen, wann der Kraftspeicher leer ist und wie er wieder bef\u00fcllt werden kann.<\/p>\n<p>Es ist ein vollkommen logischer und wichtiger Schritt, dass Unternehmen die Verantwortung f\u00fcr einen gesunden Umgang mit sich selbst und der eigenen Arbeitskraft und -f\u00e4higkeit zunehmend mehr in die H\u00e4nde derer legen, die autonom und selbstverantwortlich arbeiten wollen. Wenn Unternehmen das nicht tun, laufen sie Gefahr, \u201eden schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen\u201c und schuldig zu sein f\u00fcr jeden einzelnen Fall von Burnout und anderen ersch\u00f6pfungsbedingten Erkrankungen. Was Unternehmen jedoch noch zu oft vergessen ist, dass vor allem die \u00e4lteren Kollegen diesen gesunden Umgang mit der neu gewonnenen Freiheit genauso erst erlernen m\u00fcssen wie sie selbst.<\/p>\n<h2>Ein paar Zahlen \u2026<\/h2>\n<p>Die H\u00e4ufigkeit der psychischen Erkrankungen und die damit verbundenen Zeiten von Arbeitsunf\u00e4higkeit wachsen stetig und zunehmend schneller. Trotz insgesamt r\u00fcckl\u00e4ufiger Krankenst\u00e4nde in den letzten Jahren wuchs der relative Anteil psychischer Erkrankungen am Arbeitsunf\u00e4higkeitsgeschehen bislang stetig. Er stieg auf 15,1 Prozent und die Zahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen liegt bei 264 Tagen je 100 Personen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend psychische Erkrankungen vor 15 Jahren noch nahezu bedeutungslos waren,sind sie heute die dritth\u00e4ufigste Diagnosegruppe bei Krankschreibung bzw. Arbeitsunf\u00e4higkeit (Knieps und Pfaff 2016: 59). Betroffen sind Berufsanf\u00e4nger ebenso wie aufstrebende Mitarbeiter und Besch\u00e4ftigte in Spitzenpositionen.<\/p>\n<p>Besondere Bedeutung und Brisanz erhalten psychische Erkrankungen vor allem dadurch, dass die Krankheitsdauer st\u00e4rker ins Gewicht f\u00e4llt: Die durchschnittliche Dauer psychisch bedingter Krankheitsf\u00e4lle ist mit 36 Tagen dreimal so hoch wie bei anderen Erkrankungen (z.B. des Bewegungsapparates oder des Immunsystems) mit zw\u00f6lf Tagen.<\/p>\n<p>Das dabei h\u00e4ufig auftretende Burnoutsyndrom beschreibt jenen Zustand, bei dem Menschen so ersch\u00f6pft oder \u201eausgebrannt\u201c sind, dass sie zu einem normalen Leben kaum mehr f\u00e4hig sind. Noch handelt es sich bei dem vergleichsweise jungen Ph\u00e4nomen um keine anerkannte Krankheit. Da Mediziner feststellten, dass die Symptome denen der Depression sehr \u00e4hnlich sind, tun sie sich schwer, Burnout als eigenst\u00e4ndige Erkrankung zu definieren.<\/p>\n<p>Psychische Erkrankungen sind au\u00dferdem die h\u00e4ufigste Ursache f\u00fcr krankheitsbedingte Fr\u00fchberentungen. Zwischen 1993 und 2015 stieg der Anteil von Personen, die aufgrund seelischer Leiden fr\u00fchzeitig in Rente gingen, von 15,4 auf 42,9 Prozent (Deutsche Rentenversicherung Bund 2016: 111). Gegen\u00fcber dem Jahr 2000 entspricht dies einer Steigerung der Fallzahlen um mehr als 40 Prozent. Im Vergleich zu anderen Diagnosegruppen treten Berentungsf\u00e4lle wegen \u201epsychischer St\u00f6rungen und Verhaltensst\u00f6rungen\u201c zudem auch noch deutlich fr\u00fcher ein; das Durchschnittsalter liegt bei 48,1 Jahren (Deutsche Rentenversicherung 2014: 24).<\/p>\n<h2>Die volkswirtschaftlichen Folgen all dieser genannten Aspekte sind nat\u00fcrlich immens, Tendenz steigend.<\/h2>\n<p>Der klassische Arbeitsschutz stellte bislang zwar die den K\u00f6rper gef\u00e4hrdenden Aspekte von Arbeit in den Vordergrund, aber im Jahr 2013 wurde \u00a7 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) endlich dahingehend pr\u00e4zisiert, dass auch die auf die Psyche wirkenden Belastungen der Arbeit zu ermitteln und zu beheben sind. Die Verantwortung der Einhaltung und Umsetzung liegt dabei hier klar aufseiten der Arbeitgeber.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich gibt es aber auch diejenigen F\u00e4lle, wo es gerade die M\u00f6glichkeit des flexiblen, vernetzten Arbeitens ist, die die Aus\u00fcbung des Jobs attraktiv oder auch \u00fcberhaupt erst m\u00f6glich macht. Wenn Vereinbarkeitsthemen mitschwingen, helfen diese Angebote und die Besch\u00e4ftigten, denen dies erm\u00f6glicht wird, nutzen sie gern. Der <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/publikationen\/publikation\/did\/d21-digital-index-20182019\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">aktuelle D21 Digital Index 2018\/2019<\/a> (Initiative D21 2019) kommt zu dem Ergebnis, dass 37 Prozent (und sogar 71 Prozent der in B\u00fcrojobs t\u00e4tigen Menschen) meinen, dass digitales Arbeiten die Chance bietet, Arbeitsund Privatleben besser miteinander in Einklang bringen zu k\u00f6nnen. Nach getaner Familienarbeit wird zu Ende gebracht, was auf dem Schreibtisch liegen blieb, oder nachgeholt, wozu man im hektischen B\u00fcro nicht kam. Ruhepausen oder Zeiten ohne direkte Zusammenarbeit verwaschen so zu weniger arbeitsintensiver Zeit und der Feierabend wird \u2013 nach einem Ortswechsel \u2013 nur verschoben.<\/p>\n<p>Dennoch geben 49 Prozent der Befragten (und nicht nur diejenigen, die sagen, dass sie bereits mobil arbeiten) an, dass zeitlich und r\u00e4umlich flexibles Arbeiten auch zur Steigerung ihrer Arbeitsqualit\u00e4t beitr\u00e4gt.<\/p>\n<h2>Entgrenzte Arbeit = grenzenlose Arbeit?<\/h2>\n<p>Wer sollte die Verantwortung f\u00fcr die Gesundheit der Menschen tragen? Wem k\u00f6nnen wir \u2013 ganz\u00b4in vertrauter Manier \u2013 \u201edie Schuld in die Schuhe schieben\u201c? Den F\u00fchrungskr\u00e4ften, die nicht bemerken, dass Arbeit heute komplexer, schneller und voraussetzungsvoller ist? Den (endlich) flexibel, selbstbestimmt und gef\u00fchlt st\u00e4ndig arbeitenden Besch\u00e4ftigten, die wissen, dass sie zur Aus\u00fcbung ihrer T\u00e4tigkeit nicht mehr an den bis 17 Uhr zur Verf\u00fcgung stehenden Rechner gebunden sind? Den schweigsamen und geduldigen Betriebs\u00e4rzten? Oder wom\u00f6glich den besonders Arbeitsw\u00fctigen, die das Gesamtbild verzerren? Muss \u00fcberhaupt irgendjemand die Verantwortung \u00fcbernehmen?<\/p>\n<p>Ich vertrete die Auffassung, dass wir ein gesundes Verh\u00e4ltnis von neuer Arbeit und Gesundheit genauso erlernen und verinnerlichen m\u00fcssen, wie auch die Unternehmen lernen m\u00fcssen, dass das Angebot, orts- und zeitunabh\u00e4ngig zu arbeiten, eine M\u00f6glichkeit darstellt, aber keine Verpflichtung. Wir selbst m\u00fcssen in der Lage und willens sein, den Ausknopf zu dr\u00fccken und die Arbeit zu beenden und uns die Pausen zu nehmen, die wir zuvor auch zur Regeneration ben\u00f6tigt haben. Diese werden in Zeiten st\u00e4ndiger Erreichbarkeit sowie steigender Geschwindigkeit und Komplexit\u00e4t n\u00e4mlich nicht k\u00fcrzer.<\/p>\n<p>Faktisch fallen die tats\u00e4chlich arbeitsfreien Zeiten bei den meisten digital Arbeitenden k\u00fcrzer aus. Sie schauen au\u00dferhalb ihrer eigentlichen Arbeitszeit in die E-Mails, sie verfassen auch abends noch Tweets und Posts, sie bearbeiten gerade noch die eine Sache zu Ende, die sie im B\u00fcro nicht geschafft haben. Dazu hat man doch das Notebook schlie\u00dflich dabei \u2026<\/p>\n<h2>Wir lassen uns treiben und werden zu Getriebenen.<\/h2>\n<p>Einen bewussten, gesunden Umgang mit unserer neuen Freiheit zu pflegen, ist Aufgabe eines jeden Einzelnen und alle Angebote des betrieblichen Gesundheitsmanagements und der Gesetzgebung sind wertlos, wenn wir uns nicht selbst regulieren wollen, bewusst das Arbeitsende festlegen und uns auch daran halten.<\/p>\n<p>F\u00fchrungskr\u00e4fte und Chefs bemerken das Ausma\u00df der digitalen Ersch\u00f6pfung oft erst dann, wenn Mitarbeiter sich mit l\u00e4ngeren Ausfallzeiten krankmelden und bei ihrer Mitarbeitervertretung oder dem Betriebsarzt nach BGMMa\u00dfnahmen wie Resilienz und Stressbew\u00e4ltigung fragen. Oder wenn der Bedarf an Ma\u00dfnahmen der betrieblichen Wiedereingliederung steigt und es dabei nicht mit der Neuanschaffung eines ergonomischen Schreibtischstuhls oder eines h\u00f6henverstellbaren Schreibtisches getan ist. Ma\u00dfnahmen der modernen betrieblichen Pr\u00e4vention und Gesundheitsf\u00f6rderung sollten auf den Abbau \u00fcberm\u00e4\u00dfiger psychosozialer Belastungen fokussiert sein und beispielsweise dabei unterst\u00fctzen, chronischen Zeitdruck, Arbeitsunterbrechungen und \u00dcberforderung abzubauen.<\/p>\n<p>In einer Arbeitswelt, in der die Berufswahl vor allem durch Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung und Leidenschaft bestimmt ist, liegt ein enormes positives Potenzial f\u00fcr unsere Gesundheit: Wer in eigener Verantwortung selbstbestimmt und achtsam Energie und Ressourcen einteilt, der reduziert das Risiko des eigenen Ausbrennens erheblich. Wenn es gelingt, die pers\u00f6nlichen Grenzen richtig zu setzen, wird nicht nur die M\u00f6glichkeit des \u201eAusbrennens\u201c reduziert, sondern dann k\u00f6nnen erst recht alle Vorteile und Potenziale mobiler, flexibler, selbstbestimmter Arbeit voll ausgesch\u00f6pft werden, ohne dass Nachteile entstehen.<\/p>\n<p>Denn es bleibt dabei: Arbeit bestimmt unser Leben und unseren psychischen Zustand wesentlich. Und nach wie vor sind \u2013 trotz aller Kritik an den Belastungen der Arbeitswelt \u2013 arbeitende Menschen in der Regel zufriedener und ges\u00fcnder als Menschen ohne Arbeit. Arbeit wird immer Teil des Lebens bleiben, nicht das Gegenteil davon, denn sie stiftet Selbstbest\u00e4tigung und Anerkennung.<\/p>\n<h2>Fazit<\/h2>\n<p>Es kommt also nicht von ungef\u00e4hr, dass sowohl die psychische als auch die physische Gesundheit der Besch\u00e4ftigten in der modernen Arbeitswelt zunehmend in den Fokus der Aufmerksamkeit r\u00fcckt und dass eine gesundheitsorientierte Betriebsf\u00fchrung Einzug in die Denkweisen der Unternehmen h\u00e4lt: Gesundheit wird zu einer der wichtigsten Unternehmensressourcen und die Erhaltung von Arbeitsf\u00e4higkeit zu einer der Hauptaufgaben von Human Resources, F\u00fchrung und Besch\u00e4ftigten.<\/p>\n<p>Die alternde Belegschaft und der sich abzeichnende Fach- und F\u00fchrungskr\u00e4ftemangel wird dazu f\u00fchren, dass Unternehmen die Leistungsbereitschaft und -f\u00e4higkeit von Besch\u00e4ftigten gezielt f\u00f6rdern und den respektvollen und achtsamen Umgang mit ihrer Gesundheit erlernen und sicherstellen m\u00fcssen. Das bedeutet aber nicht, dass damit jegliche Verantwortung abgegeben ist, im Gegenteil. Das Gesundheitsinteresse ist (vor allem) aufseiten der (j\u00fcngeren) Besch\u00e4ftigten mindestens genauso angesiedelt wie auch erw\u00fcnscht und die Gesundheitsf\u00fcrsorge ist nicht mehr nur prim\u00e4r eine unternehmerische Aufgabe, sondern ein individuelles Anliegen, f\u00fcr das jeder eigenverantwortlich Sorge zu tragen hat.<\/p>\n<p>Wir stehen auf der Schwelle zur Industriegesellschaft 4.0. und alle Beteiligten sind aufgefordert, mit vereinten Kr\u00e4ften diesen Wandel zu gestalten. Es braucht Gesundheit, Wissen, Qualifikation Kompetenz und Motivation und vieles h\u00e4ngt davon ab, kreative Potenziale freizusetzen, Innovationen zu erm\u00f6glichen und so mehr Effizienz und Exzellenz zu erreichen. Wenn uns das gelingt, kann Arbeit wieder die Aufgabe \u00fcbernehmen, die ihr aus gesellschaftlicher Perspektive zukommt: Sinn stiften, Anerkennung geben, Zugeh\u00f6rigkeit vermitteln,<br \/>Existenz sichern.<\/p>\n<p>Quellen und Links:<br \/>\u27a5 Deutsche Rentenversicherung Bund (Hrsg.) (2016).<br \/>Rentenversicherung in Zeitreihen. Ausgabe 2016. Berlin.<br \/>\u27a5 Deutsche Rentenversicherung (2014).<a href=\"https:\/\/www.deutsche-rentenversicherung.de\/DRV\/DE\/Experten\/Infos-fuer-Reha-Einrichtungen\/Grundlagen-und-Anforderungen\/Konzepte-und-Positionspapiere\/konzepte_positionspapiere.html?https=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"> \u201ePositionspapier der Deutschen Rentenversicherung zur Bedeutung<\/a><br \/>psychischer Erkrankungen bei der Rehabilitation und bei Erwerbsminderung\u201c. (Download 1.3.2019).<br \/>\u27a5 Initiative D21 (Hrsg.) (2019). <a href=\"https:\/\/www.bertelsmann-stiftung.de\/de\/publikationen\/publikation\/did\/d21-digital-index-20182019\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">D21 Digital Index 2018\/2019<\/a>. J\u00e4hrliches Lagebild zur Digitalen Gesellschaft.<br \/>\u27a5 Knieps, Franz, und Holger Pfaff (Hrsg.) (2016). Gesundheit und Arbeit. Zahlen, Daten, Fakten. <a href=\"https:\/\/www.bkk-dachverband.de\/fileadmin\/publikationen\/gesundheitsreport_2016\/BKK_Gesundheitsreport_2016.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">BKKGesundheitsreport 2016<\/a>. Berlin.<\/p>\n<p><strong><em>\u00dcber die Autorin<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.xing.com\/profile\/Anke_Hoffmann89\/cv\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Anke Hoffmann<\/a> ist f\u00fcr die Bertelsmann Stiftung im Programm Unternehmen in der Gesellschaft als Project Managerin im Team \u201eBetriebliche Arbeitswelt in der Digitalisierung\u201c t\u00e4tig. Im Anschluss an das Projekt \u201eINQA-Audit Zukunftsf\u00e4hige Unternehmenskultur\u201c liegt ihr Schwerpunkt nun auf der #ZukunftderArbeit und der digitalen Transformation, sowie deren Auswirkungen auf betriebliche Arbeitskontexte. Sie vertritt ebenfalls den Bereich der Vereinbarkeit eines gesunden Lebens mit den neuen Formen der Arbeit 4.0. Sie studierte in Rostock und Bielefeld Soziologie und Sozialpsychologie sowie j\u00fcngst Angewandte Gesundheitswissenschaften.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.zukunftderarbeit.de\/2019\/08\/14\/arbeit-und-gesundheit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ZukunftderArbeit<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unsere Arbeitswelt \u00e4ndert sich schleichend, aber fundamental. 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