{"id":8675,"date":"2026-05-30T09:28:07","date_gmt":"2026-05-30T09:28:07","guid":{"rendered":"https:\/\/dev.empiricus.eu\/mitarbeiter-brauchen-einen-tieferen-sinn-keinen-kickertisch-en\/"},"modified":"2026-05-30T09:28:07","modified_gmt":"2026-05-30T09:28:07","slug":"mitarbeiter-brauchen-einen-tieferen-sinn-keinen-kickertisch-en","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/empiricus.eu\/en\/mitarbeiter-brauchen-einen-tieferen-sinn-keinen-kickertisch-en\/","title":{"rendered":"Mitarbeiter brauchen einen tieferen Sinn, keinen Kickertisch"},"content":{"rendered":"<p><em>Nach drei Tagen im Home Office kommt ihr mal wieder ins B\u00fcro. Nach einem Kopfsprung ins B\u00e4llebad besprecht ihr Gesch\u00e4ftliches mit Kollegen beim Kickern. Die Ergebnisse fasst ihr kurz auf dem Laptop zusammen, w\u00e4hrend ihr in der Chillout Lounge abh\u00e4ngt. Und morgen habt ihr schon wieder frei, denn eure Firma hat die 4-Tage-Woche eingef\u00fchrt. So stellen sich manche Leute \u201eNew Work\u201c vor.<\/em><\/p>\n<p>Doch dieses Bild erfasst nicht die Essenz von New Work. <a href=\"https:\/\/www.gerald-huether.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Gerald H\u00fcther,<\/a> ehemaliger Professor f\u00fcr Neurobiologie an der Uni G\u00f6ttingen, heute Vorstand der <a href=\"https:\/\/www.akademiefuerpotentialentfaltung.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Akademie f\u00fcr Potentialentfaltung<\/a> und Bestseller-Autor, hat im Interview mit Business Insider Deutschland erkl\u00e4rt, worum es bei der \u201eNew Work\u201c -Bewegung wirklich geht und wie ihr davon profitieren k\u00f6nnt.<\/p>\n<h2>Nicht mehr arbeiten, nur um Geld zu verdienen<\/h2>\n<p>\u201eMit New Work ist nicht gemeint, dass man am Kickertisch spielt, sondern dass man spielerisch neue Ideen ausprobieren kann\u201c, sagt der renommierte Hirnforscher. \u201eDoch es ist schwer, daf\u00fcr einen Rahmen zu schaffen. Denn die meisten Menschen haben die Erfahrung gemacht, dass sie nur arbeiten, um Geld zu verdienen. Und ich glaube, dass es unendlich viele Leute gibt, denen das Prinzip \u2018Arbeiten, um Geld zu verdienen\u2019 zum Hals raush\u00e4ngt, und die ihrem Leben einen ganz anderen Sinn geben m\u00f6chten.\u201c<\/p>\n<p>Das bedeutet nicht, dass wir alle kein Geld mehr verdienen sollen, sondern dass die Arbeitgeber ein Einkommen sicherstellen m\u00fcssen, damit die Mitarbeiter frei sind, um sich dem zu widmen, was sie in ihrem Leben erreichen m\u00f6chten. Laut Gerald H\u00fcther ist diese Einstellung der Schl\u00fcssel zum 21. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Denn fest steht: Die meisten Jobs, in denen menschliche Eigenschaften wie Kreativit\u00e4t und Begeisterungsf\u00e4higkeit nicht gebraucht, sondern nur Routinen abgearbeitet werden, wird es schon bald nicht mehr geben. Maschinen erledigen sie schneller, pr\u00e4ziser und kosteng\u00fcnstiger.<\/p>\n<h2>Unsere Gesellschaft m\u00fcsste wie eine Fu\u00dfballmannschaft funktionieren<\/h2>\n<p>\u201eWas wir brauchen, ist etwas, das es bisher noch nie gegeben hat: Eine individualisierte Gemeinschaft\u201c, sagt er. Das ist eine Gesellschaft, in der sich jeder als Subjekt, also als eigenverantwortliches Wesen, erlebt. Sie ist vergleichbar mit einer Fu\u00dfballmannschaft: Es kommt auf jeden an, aber jeder muss etwas Anderes besonders gut k\u00f6nnen, und wer gerade den Ball hat, hat das Sagen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig erf\u00fcllt diese individualisierte Gemeinschaft das Bed\u00fcrfnis des Menschen nach Verbundenheit. Da beide Grundbed\u00fcrfnisse erf\u00fcllt werden, ist die individualisierte Gemeinschaft hoch attraktiv, aber eben auch schwierig umzusetzen, wenn man wie wir alle aus einer hierarchischen Ordnungsgesellschaft kommt und nichts Anderes kennt.<\/p>\n<p>\u201eViele Menschen werden auf der Arbeit, in der Ausbildung oder der Schule zum Objekt gemacht. Zum Objekt der Erwartungen, Bewertungen oder sogar Ma\u00dfnahmen anderer\u201c, sagt Gerald H\u00fcther. \u201eUnd wenn man diese Objektrolle annimmt, verliert man das, was den Menschen auszeichnet: Den eigenen Willen.\u201c<\/p>\n<h2>Jeder einzelne kann etwas bewegen<\/h2>\n<p>\u201eWir sind ja alle so sozialisiert, dass wir gar nicht glauben, alleine etwas ver\u00e4ndern zu k\u00f6nnen. Doch die frohe Botschaft lautet: Das menschliche Gehirn ist formbar. Also geht es prinzipiell schon. Man muss es nur wollen.\u201c<\/p>\n<p>Der Neurobiologe ist davon \u00fcberzeugt, dass jeder Mensch, selbst in den niedrigsten sozialen Positionen, einen Gestaltungsspielraum hat und ermutigt jeden, den eigenen auszuloten. Perfekt ist es, wenn man dabei einen oder mehrere Partner findet.<\/p>\n<p>\u201eWenn man sich zusammentut, passiert oft das Wunder, dass mehrere Gestaltungsspielr\u00e4ume sich miteinander verbinden. Und der so entstandene Spielraum ist viel gr\u00f6\u00dfer als der, den sich ein Einzelner verschaffen kann. Das Ergebnis ist ein Team, das wirklich etwas umsetzen kann\u201c, sagt H\u00fcther.<\/p>\n<p>Ein solches Team nennt sich \u201eco-kreative Gemeinschaft\u201c. In H\u00fcthers Buch \u201eWie Tr\u00e4ume wahr werden\u201c geht es um die Bildung eines solchen Teams. Dazu muss jemand, der ein Anliegen hat, Gleichgesinnte suchen. Er macht anderen eine Problematik verst\u00e4ndlich und bittet sie, sich \u00fcber m\u00f6gliche L\u00f6sungen Gedanken zu machen.<\/p>\n<p>So ensteht eine Art Keimzelle. Die Beteiligten treiben den co-kreativen Prozess voran, suchen noch weitere Mitstreiter. Es ist ist hilfreich, wenn die Kollegen, die an dem Projekt zusammenarbeiten, nicht in jeder Hinsicht gleichgesinnt sind.<\/p>\n<p>\u201eIdealerweise m\u00fcssten sie so unterschiedlich wie m\u00f6glich sein\u201c, sagt H\u00fcther. \u201eDadurch wird der Schatz an Wissen und K\u00f6nnen, den sie miteinander teilen, m\u00f6glichst gro\u00df. Wenn Menschen mit Expertenwissen in verschiedenen Bereichen ihre Ideen einbringen, entsteht etwas, das niemals entstehen kann, wenn ein Einzelner allein seine Kreativit\u00e4t entfaltet.\u201c<\/p>\n<h2>Schluss mit Deadlines und Druck<\/h2>\n<p>Ein solcher Prozess l\u00e4sst sich nat\u00fcrlich schwer von oben organisieren. Ein Unternehmen kann lediglich einen Rahmen schaffen, der die Herausbildung solcher co-kreativer Gemeinschaften wahrscheinlich macht. Dazu ist die Abwesenheit von Termin- und Ergebnisdruck entscheidend.<\/p>\n<p>\u201eDie gro\u00dfen kreativen Leistungen wurden nicht von Menschen vollbracht, die eine Deadline hatten\u201c, sagt Gerald H\u00fcther. \u201eSogenannte \u2018Breakthrough Innovations\u2019 entstehen oft beim Spazierengehen, unter der Dusche oder im Bett. Auch in einem Team m\u00fcssen Bedingungen geschaffen werden, die druckfrei und spielerisch sind.\u201c<\/p>\n<p>Denn, so der Hirnforscher, kreativ sind Menschen nur dann, wenn sie sich nicht im Modus der sogenannten \u201efokussierten Aufmerksamkeit\u201c arbeiten. Dieser Zustand, in dem die Aufmerksamkeit auf etwas Bestimmtes gerichtet ist, tritt immer auf, wenn man unter Druck ist, Angst hat, eine Deadline hat, etwas Bestimmtes erreichen will oder erfinden soll.<\/p>\n<p>Das Problem: In diesem Zustand sind nur sehr wenige Netzwerke im Hirn aktiv. F\u00fcr kreative Leistungen m\u00fcssen aber sehr viele verschiedene Netzwerke gleichzeitig aktiviert werden. Denn nur dann k\u00f6nnen sich Areale verkn\u00fcpfen, die normalerweise nicht miteinander verkn\u00fcpft werden, und es entsteht etwas wirklich Neues.<\/p>\n<h2>Ein Anliegen, das unter die Haut geht<\/h2>\n<p>Zudem d\u00fcrfen die Mitarbeiter nicht, wie in den alten Hierarchien \u00fcblich, ihre eigene Karriere im Kopf haben. Es muss allen um ein gemeinsames Anliegen gehen. \u201eDieses Anliegen muss etwas sein, das den Leuten unter die Haut geht, ihnen wirklich am Herzen liegt\u201c, stellt H\u00fcther klar.<\/p>\n<p>Als Beispiel f\u00fcr ein solches Anliegen nennt er das Unternehmen Upstalsboom. Dessen Gesch\u00e4ftsf\u00fchrer Bodo Janssen verfolgt das Ziel, dass jeder seiner Mitarbeiter selbstbestimmt arbeitet und \u201ein seine Kraft kommt\u201c, wie er es nennt.<\/p>\n<p>Im Film \u201eDie stille Revolution\u201c, in dem es um Bodo Janssen und Upstalsboom geht, wird eine Zimmerfrau gefragt, warum sie in diesem Unternehmen arbeitet. Sie antwortet: \u201eFr\u00fcher habe ich hier gearbeitet, um Geld zu verdienen. Aber heute arbeite ich hier, weil wir mit dem Gewinn die n\u00e4chste Schule in Ruanda bauen wollen.\u201c<\/p>\n<p>Lest auch: <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/in-25-jahren-wird-die-haelfte-der-jobs-nicht-mehr-existieren-es-gibt-nur-eine-moeglichkeit-kinder-darauf-vorzubereiten-2018-8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">In 25 Jahren wird die H\u00e4lfte der Jobs nicht mehr existieren \u2014 es gibt nur eine M\u00f6glichkeit, Kinder darauf vorzubereiten<\/a><\/p>\n<p>Bodo Janssen hatte gesehen, wie schlecht die Bildungssituation in diesem Land ist, und wie billig es ist, dort eine Schule zu bauen. Er fragte seine Mitarbeiter, ob sie damit einverstanden w\u00e4ren, die Unternehmensgewinne zu verwenden, um Schulen in Ruanda zu bauen. Sie stimmten zu. Seitdem fliegen auch immer wieder Mitarbeiter dorthin, um sich das Ergebnis anzuschauen.<\/p>\n<p>\u201eDiese Zimmerfrau hatte pl\u00f6tzlich einen ganz neuen Sinn in ihrer Arbeit gefunden. Sie sagte: \u2018Ich habe noch nie so sch\u00f6n Betten gemacht und die Zimmer noch nie so liebevoll dekoriert. Ich m\u00f6chte, dass jeder Gast sich hier so wohl f\u00fchlt, dass er uns \u00fcberall empfiehlt, damit wir m\u00f6glichst viel Gewinn machen und die n\u00e4chste Schule bauen k\u00f6nnen.\u2019 Das ist New Work\u201c, sagt Gerald H\u00fcther.<\/p>\n<p>Gerald H\u00fcther hat am 7. M\u00e4rz 2019 zu diesem Thema auf der Xing New Work Experience eine Keynote gehalten.<\/p>\n<p><strong><em>\u00dcber die Autorin<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.xing.com\/profile\/Marleen_vandeCamp\/cv\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Marleen van de Camp <\/a>ist Strategy-Redakteurin f\u00fcr die deutsche Ausgabe von Business Insider. Ihre Themenschwerpunkte sind Karriere, Self-Improvement und Luxus. Wenn sie nicht gerade an einem Artikel arbeitet, betreut sie die Social Media Auftritte.<\/em><\/p>\n<p><em>Sie studierte deutsche und amerikanische Literatur, Linguistik und Rechtswissenschaft in Frankfurt am Main und M\u00fcnster. Bevor sie zu BI kam, war sie in den Bereichen Lektorat, Untertitelredaktion und Computer\u00fcbersetzung t\u00e4tig.<\/em><\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.businessinsider.de\/hirnforscher-huether-mitarbeiter-brauchen-sinn-keinen-kickertisch-2019-2?fbclid=IwAR2x-Nc7VvUMDMF0MdCFnMvJelXQwBq82tbpkQZrsxtoQIU0u5_8NZgyYS4\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">businessinsider.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach drei Tagen im Home Office kommt ihr mal wieder ins B\u00fcro. 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