{"id":8424,"date":"2024-03-22T01:04:20","date_gmt":"2024-03-22T01:04:20","guid":{"rendered":"https:\/\/dev.empiricus.eu\/9-to-5-hat-ausgedient-aber-ist-das-auch-gut-so-en\/"},"modified":"2026-05-30T09:27:50","modified_gmt":"2026-05-30T09:27:50","slug":"9-to-5-hat-ausgedient-aber-ist-das-auch-gut-so-en","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/empiricus.eu\/en\/9-to-5-hat-ausgedient-aber-ist-das-auch-gut-so-en\/","title":{"rendered":"9-to-5 hat ausgedient! Aber ist das auch gut so?"},"content":{"rendered":"<p><strong><em>Wer Arbeit und Privates miteinander in Einklang bringen kann, ist ausgeglichener, ges\u00fcnder und gl\u00fccklicher. Aber was ist, wenn Work-Life-Blending zu einer Entgrenzung f\u00fchrt, die den Arbeitnehmenden und Arbeitgebenden auf die F\u00fc\u00dfe f\u00e4llt?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Morgens um 9:00 Uhr sitzt meine Freundin Kathrin (Name ge\u00e4ndert) nicht in ihrem Ministerialb\u00fcro, sondern mit ihrem Laptop in der Badewanne und tippt flei\u00dfig vor sich hin. Dort ist es nicht nur w\u00e4rmer, sie kann sich auch besser auf ihre Aufgaben konzentrieren. Sie f\u00fchlt sich wohl und keine geschw\u00e4tzigen Teammitglieder wuseln um sie herum. Weil Kathrin t\u00e4glich ab 13:00 Uhr ins mentale Suppenkoma f\u00e4llt, macht sie ein paar Stunden Pause und loggt sich erst gegen Nachmittag wieder zum Arbeiten ein. In der Zwischenzeit geht sie zum Sport, zum Arzt oder einkaufen. Anstatt sich abends auf ihr Sofa zu l\u00fcmmeln, schreibt Kathrin an ihrem Buch weiter, denn darin findet sie ihre pers\u00f6nliche Erf\u00fcllung. Ihre Tage sind oft lang, aber selten langweilig. M\u00f6glich ist all das erst seit Corona, denn Homeoffice und flexible Arbeitszeiten waren in vielen Unternehmen und den meisten Ministerien vorher eine Seltenheit.<\/p>\n<h2>Wtf ist Work-Life-Blending?<\/h2>\n<p>Was Kathrin lebt und liebt, nennt sich Work-Life-Blending und k\u00f6nnte ein <a href=\"https:\/\/www.zukunftsinstitut.de\/hubfs\/Die%20Megatrend-Map.png\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">neuer Mega-Trend werden<\/a>. Anstatt Beruf und Privates strikt voneinander zu trennen und beidem feste Zeitfenster zuzuweisen (Work-Life-Separation), geht das Work-Life-Blending-Konzept davon aus, dass sich beides harmonisch miteinander verbinden l\u00e4sst. Indem der Aufwand der strikten Planung und Trennung gespart wird, kann man flexibler auf Situationen und individuelle Bed\u00fcrfnisse reagieren, was Arbeitnehmende wiederum ges\u00fcnder, produktiver und motivierter macht. Und weil man heute mal eine Stunde l\u00e4nger arbeitet und daf\u00fcr morgen eine weniger, balanciert sich das zeitlich auch aus. Soweit die Theorie. Aber wie und wo funktioniert das Konzept in der Praxis?<\/p>\n<h2>K\u00f6nnen alle wirklich alles kriegen?<\/h2>\n<p>F\u00fcr bestimmte Personengruppen ist Work-Life-Blending der heilige Gral: alleinerziehende Eltern, Menschen mit Pflegeaufgaben, sozialem Engagement, chronischen Krankheiten oder zeiteinnehmenden Hobbies. Anstatt einen Spagat zwischen Arbeit und Privatleben hinlegen zu m\u00fcssen, k\u00f6nnen sie all ihren Rollen gleichm\u00e4\u00dfig gerecht werden \u2013 und zwar wann es ihnen passt. W\u00e4hrend ein Kollege sich spontan zuhause um sein krankes Kind k\u00fcmmert und deshalb erst nachmittags richtig mit der Arbeit beginnt, kann seine Kollegin dank seines sp\u00e4teren Arbeitseinsatzes fr\u00fcher aufh\u00f6ren, um noch die letzten Sonnenstrahlen im Park zu genie\u00dfen. So lassen sich Phasen jenseits der Kernarbeitszeiten abdecken und gleichzeitig die Produktivit\u00e4t steigern. Je mehr F\u00fchrungskr\u00e4fte dabei den Bed\u00fcrfnissen der Mitarbeitenden nachkommen, desto motivierter sind diese, gute Arbeit zu leisten und auch in Hochphasen extra Leistung zu bringen. Ganz nach dem Motto: Gib und dir wird gegeben.<\/p>\n<p>Was aber, wenn drei Teammitglieder wegen Kitastreik, Krankheit und Zahnarzttermin gleichzeitig ausfallen? Und wie sieht es in Unternehmen aus, wo bestimmte Schichten einfach abgedeckt werden m\u00fcssen und Homeoffice keine Option ist, beispielsweise im Krankenhaus oder in Produktionshallen? Dort zeigen sich die Herausforderungen und Grenzen des Work-Life-Blendings.<\/p>\n<p>Um den Herausforderungen zu begegnen, braucht es Transparenz. Nur wenn alle Mitarbeitenden offen und rechtzeitig kommunizieren, wann sie wie und wo arbeiten wollen, lassen sich \u00fcberschneidende Interessen identifizieren. F\u00fcr diesen Prozess \u2013 und um Kompromisse f\u00fcr zeitliche \u00dcberlappungen und Engp\u00e4sse zu finden \u2013 braucht es Zeit und Vertrauen. Zeit, um sich gemeinsam als Team, aber auch als F\u00fchrungskraft damit zu besch\u00e4ftigen. Zeit, um Abw\u00e4gungen zwischen dienstlichen und privaten Interessen zu treffen \u2013 denn nicht immer wird es m\u00f6glich sein, alle W\u00fcnsche der Mitarbeitenden zu erf\u00fcllen. Denn dort, wo eine Person ausf\u00e4llt, muss auch meist eine andere einspringen. Und das Vertrauen zum Team, dass alle Mitarbeitenden die Arbeit ernst genug nehmen, um sie auch sorgf\u00e4ltig zu erledigen \u2013 egal wann und von wo. Das gilt auch f\u00fcr das Vertrauen der Teammitglieder ineinander. Nur wenn alle davon \u00fcberzeugt sind, dass alle Bed\u00fcrfnisse gleichwertig sind und alle regelm\u00e4\u00dfig zu ihren Rechten kommen, bleibt der soziale Frieden innerhalb des Teams erhalten. Unternehmen, deren Gesch\u00e4ftsmodell und F\u00fchrungsstil es erlaubt, k\u00f6nnen also vom Work-Life-Blending profitieren. Aber ist das Konzept wirklich zukunftsf\u00e4hig?<\/p>\n<h2>Sch\u00f6ne neue Arbeitswelt? \u00dcber die Kehrseite der Medaille<\/h2>\n<p>Die Wissenschaft ist sich uneinig, warnt aber vor den Gefahren der sogenannten \u201eEntgrenzung\u201c. Denn die r\u00e4umliche und zeitliche Vermischung von Arbeit und Privatem f\u00fchrt bei einigen Menschen dazu, dass sie l\u00e4nger arbeiten, Ruhepausen nicht einhalten und zuhause nicht mehr abschalten k\u00f6nnen, weil sie ihr Homeoffice physisch und mental nicht verlassen. Das kann bis zur Selbstausbeutung gehen, weil man zuhause die ganze Nacht durcharbeiten kann, w\u00e4hrend ein B\u00fcrogeb\u00e4ude irgendwann dicht macht. Auch moderne Kommunikationstechnologien machen uns immer und \u00fcberall erreichbar, selbst im ehemals heiligen Urlaub. Was in unserem Beispiel f\u00fcr Kathrin selbstverst\u00e4ndlich ist und sie nicht st\u00f6rt, kann f\u00fcr andere Menschen ein gro\u00dfes Problem darstellen. Insbesondere mit Kindern oder anderen pflegebed\u00fcrftigen Angeh\u00f6rigen ist es wichtig, sich zu regenerieren und wirklich pr\u00e4sent zu sein.<\/p>\n<p>Beim Work-Life-Blending tr\u00e4gt zudem nicht mehr der Arbeitgebende die Verantwortung f\u00fcr Abgrenzung, sondern der Arbeitnehmende. Wer diese Selbstabgrenzung aus \u201eobjektiven oder subjektiven Gr\u00fcnden\u201c nicht leisten kann, wie 2007 die Wirtschaftswissenschaftlerin und politische Soziologin <strong>Katharina Belwe<\/strong> in ihrem Editorial f\u00fcr \u201ePolitik und Zeitgeschichte\u201c erl\u00e4utert, l\u00e4uft Gefahr, von seinem Arbeitgebenden st\u00e4rker beansprucht zu werden. Und Menschen, die sich ihrem Arbeitgebenden \u201emit Haut und Haar\u201c verkaufen, h\u00e4tten laut Belwe auf dem Arbeitsmarkt auch bessere Chancen auf lukrative Stellen. Was machen wir also aus diesem Dilemma?<\/p>\n<p>Fest steht: Work-Life-Blending erfordert eine starke aktive Strukturierung des eigenen Lebens, sowie eine klare Abgrenzungsf\u00e4higkeit. Das kann man einerseits als Chance der Selbstentfaltung, aber auch als neue Herausforderung und zus\u00e4tzlichen Druck begreifen. Mitarbeitende m\u00fcssen darauf achten, ihre pers\u00f6nlichen und gesellschaftlichen Ressourcen, also Zeit, Aufmerksamkeit und Energie zu bewahren.<\/p>\n<p>Ob Selbstentfaltung, wie im Beispiel von Kathrin, oder Druck entsteht, ist dabei stark vom Individuum abh\u00e4ngig. Deshalb gilt es f\u00fcr Arbeitgebende, entsprechende Unterst\u00fctzungs- und Schutzangebote zu machen. Das kann nicht nur die Aufgabe von Unternehmen und F\u00fchrungskr\u00e4ften sein, sondern auch der Politik. In manchen Branchen oder auch Arbeitsformen wie zum Beispiel in der Pflege oder am Flie\u00dfband ist das Konzept derzeit kaum umsetzbar. Deshalb sollte auch klar kommuniziert werden: Work-Life-Blending ist ein Konzept der Dienstleistungs- und White-Collar-Branche.<\/p>\n<p><strong><em>Zur Person<\/em><\/strong><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.linkedin.com\/in\/dr-simone-burel\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Dr. Simone Burel<\/a> ist Gesch\u00e4ftsf\u00fchrerin der <a href=\"https:\/\/lub-mannheim.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">LUB<\/a> \u2013 Linguistische Unternehmensberatung, promovierte Sprachwissenschaftlerin und (Fachbuch-)Autorin. Ihre Arbeiten zu Sprache, Gender Diversity &amp; Unternehmenskommunikation wurden bereits mehrfach ausgezeichnet. Mit der neuen Marke Diversity Company spezialisieren Burel und ihr Team sich auf einen neuen Schwerpunkt: Diversit\u00e4t in all ihren Dimensionen \u2013 neben den sechs klassischen Diversity-Dimensionen besch\u00e4ftigen sie sich mit den unsichtbaren Faktoren soziale Herkunft und mentale Diversit\u00e4t. Das Thema Mental Health besch\u00e4ftigt sie intern als F\u00fchrungskr\u00e4fte wie auch extern bei Kundinnen und Kunden<\/em><\/p>\n<p>Quelle:<a href=\"https:\/\/www.humanresourcesmanager.de\/future-of-work\/simone-burel-9-to-5-hat-ausgedient-work-life-blending\/?xing_share=news\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"> HumanRessourcesManager<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer Arbeit und Privates miteinander in Einklang bringen kann, ist ausgeglichener, ges\u00fcnder und gl\u00fccklicher. 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